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Bildung
12. Februar 2026

Ausbildung: Sinkende Bewerberqualität gefährdet Fachkräftesicherung

Die Qualität von Bewerberinnen und Bewerbern um Ausbildungsplätze nimmt weiter ab. Das zeigt die aktuelle Ausbildungsumfrage von NiedersachsenMetall unter 320 Mitgliedsunternehmen aus 15 Arbeitgeberverbänden. Vor allem sprachliche Defizite, aber auch fachliche und soziale Schwächen erschweren es den Betrieben zunehmend, Ausbildungsplätze erfolgreich zu besetzen und Nachwuchs zu qualifizieren. Knapp die Hälfte der befragten Unternehmen konnte Ausbildungsstellen nicht besetzen, obwohl sie aktiv gesucht haben. Hauptgrund ist aus Sicht der Betriebe die fehlende Ausbildungsreife vieler Bewerberinnen und Bewerber. Gleichzeitig investieren immer mehr Unternehmen in eigene Nachschulungs- und Unterstützungsprogramme, um Ausbildungen überhaupt erfolgreich durchführen zu können.

Sprache als Schlüsselkompetenz für Ausbildung und Produktivität

„Sprache ist kein weiches Bildungsthema, sondern eine wirtschaftliche Schlüsselkompetenz“, sagt Dr. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer von NiedersachsenMetall. „Wer Arbeitsanweisungen nicht sicher versteht oder sich nicht klar ausdrücken kann, stößt auch in technischen Berufen schnell an Grenzen. Wenn Betriebe grundlegende Kompetenzen wie Lesen, Rechnen oder soziale Regeln nachholen müssen, geht es nicht mehr um Fachkräftesicherung, sondern um Schadensbegrenzung – mit Folgen für Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit.“
Die Umfrage zeigt zudem: Jeder fünfte Betrieb stellt inzwischen auch Schulabgängerinnen und Schulabgänger ohne Abschluss ein, um Ausbildungsplätze nicht unbesetzt zu lassen. 

Defizite entstehen früh im Bildungssystem

Aus Sicht der Stiftung NiedersachsenMetall liegen die Ursachen vor allem im Bildungssystem, insbesondere bei den sprachlichen Basiskompetenzen. „Rund ein Viertel der Viertklässler erreicht beim Textverständnis nicht einmal das Mindestniveau. Bei den 15-Jährigen sieht es ähnlich aus“, sagt Olaf Brandes, Geschäftsführer der Stiftung NiedersachsenMetall. „Das sind keine Randphänomene mehr. Wer mit solchen Defiziten in die Ausbildung startet, hat deutlich schlechtere Chancen.“ Brandes spricht sich daher für frühe und verbindliche Sprachtests vor der Einschulung aus. „Einschulung ist nur dann sinnvoll, wenn Kinder dem Unterricht sprachlich folgen können. Andernfalls werden die Probleme nur verschoben – bis in die Betriebe hinein.“

Auch Schmidt sieht Handlungsbedarf: „Wenn kaum noch gelesen wird und das Smartphone zur wichtigsten Informationsquelle wird, dürfen wir uns über sinkende Sprachkompetenz nicht wundern. Leseförderung und Medienkompetenz müssen in der Schule einen deutlich höheren Stellenwert bekommen.“

Unterrichtsausfall verschärft die Situation

Hinzu kommt aus Sicht der Unternehmen eine angespannte Unterrichtssituation. Zwar liegt die statistische Unterrichtsversorgung in Niedersachsen bei knapp 97 Prozent, faktisch fällt jedoch deutlich mehr Unterricht aus – etwa durch Krankheit, Teilzeit, Bürokratie und unterrichtsfremde Aufgaben. „Soll-Stunden sind keine Ist-Stunden“, sagt Brandes. „Ganze Jahrgänge haben während der Corona-Zeit wichtige Grundlagen verpasst. Distanzunterricht als gleichwertige Unterrichtsform weiter zu verankern, wie es die Kultusministerin plant, geht an der Realität vorbei.“

Andere Bundesländer zeigen bessere Wege

Ein Blick in andere Bundesländer zeigt aus Sicht von NiedersachsenMetall, dass bessere Ergebnisse möglich sind. Länder wie Sachsen oder Bayern schneiden in Bildungsstudien seit Jahren besser ab – unter anderem durch stärkere Förderstrukturen, klarere Schulformen und einen konsequenten Fokus auf Leistung und Basiskompetenzen. „Unsere Unternehmen sind ausbildungsbereit und investieren viel“, betont Schmidt. „Aber ohne solide schulische Grundlagen wird Ausbildung immer mehr zur Reparaturarbeit. Wer Fachkräfte sichern will, muss Bildung wieder konsequent vom Ergebnis her denken.“

Forderungen an Politik und Bildungssystem

Vor diesem Hintergrund fordert NiedersachsenMetall eine stärkere Ausrichtung schulischer Bildung auf Berufs- und Ausbildungsfähigkeit. Neben fachlichen Grundlagen müssen auch Sozialkompetenzen wie Zuverlässigkeit, Teamfähigkeit und Konfliktfähigkeit systematisch vermittelt werden. Ohne ausreichende Sprachkompetenz ist das Scheitern in Schule und Beruf häufig vorprogrammiert. „Es ist den Unternehmen nicht zuzumuten, strukturelle Defizite des Schulsystems auszugleichen“, betont Schmidt. Zugleich müsse Berufsorientierung deutlich gezielter und praxisnäher umgesetzt werden. Sie dürfe kein Randthema sein, sondern müsse als Querschnittsaufgabe in allen Fächern verankert werden. Dafür benötigen Lehrkräfte mehr Zeit sowie eine bessere Qualifizierung für ihre Aufgaben in der Berufsorientierung. Sorge bereitet den Unternehmen außerdem die steigende Zahl von Schulabgängerinnen und Schulabgängern ohne Abschluss. Das Schulsystem müsse stärker darauf ausgerichtet werden, Abschlüsse zu sichern, Durchlässigkeit zu gewährleisten und passende Förderangebote bereitzustellen. Dazu gehöre auch eine Stärkung der Förderschulen sowie die Einführung einer Schüler-ID, um Bildungswege nachvollziehen und frühzeitig unterstützen zu können.

Eine Ausbildungsabgabe lehnt NiedersachsenMetall hingegen klar ab. Schmidt: „Die Umfrage zeigt, dass die Unternehmen ausbildungsbereit sind und Ausbildungsplätze anbieten, diese aber häufig mangels geeigneter Bewerberinnen und Bewerber nicht besetzen können.“

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