Der niedersächsische Arbeitsmarkt verändert sich grundlegend. Während die Industrie weiter Arbeitsplätze verliert, entstehen neue Stellen vor allem im Gesundheits- und Sozialwesen sowie in der öffentlichen Verwaltung. Das zeigen die aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. NiedersachsenMetall sieht darin ein Alarmsignal für die wirtschaftliche Zukunft des Landes. „Wir erleben einen schleichenden Verlust industrieller Substanz. Wenn gut bezahlte Industriearbeitsplätze verschwinden und neue Beschäftigung vor allem in sozialen und staatlich finanzierten Bereichen entsteht, ist das keine gesunde Entwicklung für unseren Wirtschaftsstandort“, sagt NiedersachsenMetall-Hauptgeschäftsführer Dr. Volker Schmidt.
Nach dem aktuellen Arbeitsmarktreport gingen in Niedersachsen allein zwischen März 2025 und März 2026 über 9.000 Industriearbeitsplätze verloren. Besonders betroffen ist die Metall-, Elektro- und Stahlindustrie mit einem Minus von 6.260 Beschäftigten. Gleichzeitig entstanden in Heimen und im Sozialwesen 7.527 zusätzliche Arbeitsplätze, im Gesundheitswesen weitere 6.179. Auch die öffentliche Verwaltung legte mit 3.291 Stellen deutlich zu.
Schmidt: „Die Zahlen reichen nur bis März. Die Rückmeldungen unserer Mitgliedsunternehmen zeigen: Der Arbeitsplatzabbau hat im Laufe dieses Jahres noch einmal an Tempo zugelegt. Wir verlieren Arbeitsplätze dort, wo ein erheblicher Teil unserer Wertschöpfung und unseres Wohlstands entsteht. Gleichzeitig wächst die Beschäftigung in Branchen, die vielfach auf eine leistungsfähige Wirtschaft und entsprechende Steuer- und Beitragseinnahmen angewiesen sind. Das kann auf Dauer nicht gutgehen.“
Dass es sich bei der Entwicklung nicht um ein niedersächsisches Einzelphänomen handelt, bestätigt eine aktuelle Studie des ifo Instituts. Danach hat die deutsche Industrie seit 2019 bundesweit fast eine halbe Million Arbeitsplätze verloren. Besonders unter Druck stehen die Automobilindustrie und ihre Zulieferer, die gerade für das Autoland Niedersachsen von herausragender Bedeutung sind. „Natürlich brauchen wir gute Pflege, eine leistungsfähige Gesundheitsversorgung und eine funktionierende Verwaltung. Aber all das muss erwirtschaftet und bezahlt werden“, betont Schmidt. „Wenn industrielle Wertschöpfung verloren geht, schwächt das langfristig die wirtschaftliche Grundlage unseres Wohlstands. Und wenn Produktionskapazitäten abgebaut und Investitionen ins Ausland verlagert werden, verschwinden nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch Know-how und Innovationskraft.“
NiedersachsenMetall fordert deshalb eine entschlossene Reformpolitik. Steuern, Bürokratielasten, Energiepreise und Arbeitskosten müssten sinken, damit Unternehmen wieder verstärkt am Standort Deutschland investieren. Dazu gehöre insbesondere, die Sozialversicherungsbeiträge zu stabilisieren und langfristig auf 40 Prozent zurückzuführen. Auch die Reform des Arbeitszeitgesetzes mit einer gesetzlich verankerten Wochenarbeitszeit ohne Tarifvorbehalt und einem klaren Bekenntnis zur Vertrauensarbeitszeit ohne Zeiterfassung müsse endlich umgesetzt werden.
„Wir können nicht einerseits den Verlust von Industriearbeitsplätzen beklagen und andererseits die notwendigen Reformen aufschieben“, kritisiert Schmidt. „Die Bundesregierung muss jetzt liefern. Unsere Unternehmen brauchen wettbewerbsfähige Standortbedingungen,sonst werden Investitionen zunehmend dort stattfinden, wo die Voraussetzungen besser sind. Was wir heute an industrieller Substanz verlieren, lässt sich morgen nicht einfach wieder aufbauen.“
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